Das Herbst-Bierkulinarium im Zeichen der Craftbiere

Unser Bierkulinarium im Herbst hätte am vergangenen Freitag kaum spannungsgeladener sein können. Schließlich verglichen wir diesmal fränkische Braukunst mit frischen Trends aus der Hauptstadt, deren geschichtsträchtige Braukultur die Experimentierfreude für sich entdeckt hat.

Als Paradebeispiel für den frischen Wind in der Berliner Bierszene suchten die Biersommeliers Kerstin und Christof Pilarzyk wohlweislich Oli Lemke aus, dessen untypische Philosophie zugleich typisch für viele Craftbierbrauer ist. Denn was ein Craftbier ausmacht, sind Leidenschaft, Innovationsgeist und die rein handwerkliche Herstellung. Entsprechend kurz ist der Weg zu den Grosch-Bierspezialitäten, die ebenfalls mit genau diesen Grundzutaten ins Leben finden. Dass trotzdem reichlich Raum für Unterschiede bleibt, dafür sorgen hier wie dort mehr als 50 Malz- und über 100 Hopfensorten, die mit handwerklichem Können und kreativem Talent individuell zu einer Gesamtkomposition verbunden werden wollen.

Die riesige Fülle an Geschmacksnuancen, die schon aus der rechnerischen Vielzahl an Möglichkeiten entstehen kann, macht schließlich den besonderen Reiz eines Bierkulinariums aus. Da hatte sich Lemkes Bohemian Pilsner etwa mit dem Grosch-Zwicklbier zu messen. Und es dauerte nicht lange, bis die staunenden Gäste zwischen kräuterig-blumiger Aromatik mit Nuancen von Geranien dort und dem Duft nach frischem Heu und einer blühenden Frühlingswiese hier treffsicher unterscheiden konnten. Berlin Pale und Luthertrunk, Imperial Stout und Fuhrmannstrunk etwa bildeten weitere, komplementäre Pärchen, die den Geschmackssinn der Teilnehmer forderten und intensivierten. Aromenvielfalt, Hopfenstopfen, Gärungstemperatur und Reifeprozesse wurden schließlich zu Bausteinen einer kulinarischen Spielwiese, auf der sich jeder wie zu Hause fühlen durfte.

Aufregend: Berliner Gerichte, fränkisch fein interpretiert

Für so manchen ungeahnten Höhepunkt sorgte jede Station des Vier-Gänge-Menüs, bei der sich die Gäste davon überzeugen konnten, wie sich der Charakter einer Bierspezialität zu Fisch, Fleisch und Gemüsen verändert. Hierzu bot bereits der erste Gang reichlich Gelegenheit, der als Feldsalat an Kartoffeldressing mit gebratener Leber, Apfelstücken, Pinienkernen und Röstzwiebeln auf den Tisch kam. „Berliner Kohlroulade trifft auf Fränkischen Karpfen“ hieß es anschließend. Die malerisch anzusehende Karpfen-Wirsing-Boulette an leichter Kümmel-Weißbiersauce mit Salzkartoffeln bot schon für sich eine wahre Geschmacksexplosion. Das gegrillte Häxle mit einem Duett von Erbsen- und Süßkartoffelpüree im dritten Gang reifte vor allem im Zusammenspiel mit verschiedenen Bieren zum Katalysator für die Entdeckung ganz neuer Geschmacksnuancen. Und die „Berliner Luft“ auf roter Grütze sorgte zum Schluss mit einem Augenzwinkern für den besten Beweis, dass Craftbier das Zeug zum echten Digestif hat.